Das Werk von Claudia Hillemanns zeichnet sich durch eine zunehmend expressive, gestische und haptische Abstraktion aus.

Auch wenn sie nach ihrem Studium – Informationsdesign und Malerei an der Muthesius-Hochschule für Kunst und Gestaltung in Kiel von 1969 bis 1972 – zunächst im Bereich der Fotografie gearbeitet hat, blieb die abstrakte Malerei ihr eigentliches Ziel, der sie sich seit 1989 verstärkt zuwendet. Angeregt durch den Abstrakten Expressionismus, die informelle Kunst und durch Actionpainting fand sie bald ihren eigenen, spontanen, malerisch-gestischen Stil, der seit 1992 in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland zu sehen war.
Claudia Hillemanns verbindet in ihren dynamischen Abstraktionen ausdrucksvolle Bildrhythmen mit haptischen Komponenten in einer konzentrierten Knappheit und sehr reduzierten Formensprache.

Ihre intensiven Form- und Farbkompositionen sind visionäre Andeutungen. Die Malerei ist für sie „...Mittel, Weg, Raum und Zwischenraum, ursprüngliche Sinnhaftigkeit zu erfahren...“. Es geht ihr um Elementares, um Existenzielles, um das menschliche Sein. Auch wenn die Formelemente an zwei sich gegenüberstehende Körper denken lassen und das spitze Teil an einen Kegel, der in die Erde einschlägt und in seiner archaischen Form Urkräfte zu mobilisieren, aufzuwirbeln scheint, die sich anschließend, nachdem die Verwundung der Materie sichtbar wurde, in Staub verflüchtigen, so bedeuten diese Formen vorrangig nichts als sich selbst in ihrer kunstvoll differenzierten Chromatik.

Auch im nachträglich betitelten Bild "11. September 2001", das sie an diesem Tag in ihrem Atelier in Tiefenhäusern malte, nicht ahnend, was zeitgleich in New York passierte, ging es ihr zunächst, wie in vielen ihrer Bilder um die Reduktion auf das Wesentliche. Sie übermalte – in der stillen Abgeschiedenheit des "black forest" – in einem gestisch vehementen Malakt ihre Papiere in einer von ihr selten verwendeten Farbe: Rot – Blutrot. Die zuvor von ihr zugeschnittenen und aufgeklebten Papiere wecken Assoziationen an zwei ungleich große Türme, die ein Querbalken – ein Flugkörper – durchdringt und erinnern an ein blutrotes Kreuz.

In den drei Arbeiten auf Pergament liefern die mehrschichtigen Papiere die Grundlage für die schwungvoll aufgetragene blaue Farbe, die wiederum Träger für die schwarzen Striche in Öl und die helle „haptische Farbmasse“ ist, wie Claudia Hillemanns das Material bezeichnet, das die relief­artige Wirkung vieler ihrer Bilder begründet.
Das Zusammenspiel von materialbedingter Leichtigkeit, Lichtdurchlässigkeit und den impulsiv gesetzten zeichnerischen Linien lässt diese farbigen Reliefs in ihrer haptischen Schönheit – in den Kästen – schweben.
Das Arbeiten mit unkonventionellen Materialien und der Reiz der Papier-Collagen führen bei Claudia Hillemanns zur Umsetzung dieser plastischen Bildideen. In diesen abstrakten, haptischen Bild-Landschaften geht es ihr um „Welt-Innenbilder“, um die nach innen gewandte Reflexion, um ein Innehalten, ein stilles Meditieren.
Auch die Werke, denen (Reise-) Erinnerungen, sinnliche Erlebnisse – nach reflektierender Distanz – zugrunde liegen, sind niemals Abbild, sondern „... Emanation eines künstlerischen Ausdruckswillens ...“ wie Dr. Sybille Bock es 1996 formulierte.
Die Realisierung einer collagenhaften Bild-Idee beginnt mit dem Zuschneiden bzw. Zerreißen des braunen und grauen säurefreien, weichen Papiers, das durch die spezielle Art des Aufklebens bereits erste Falten wirft, die sie dann gezielt weiterverarbeitet – formt – faltet. Nach längerem Betrachten, nach Minuten des Schweigens, Reflektierens und der Meditation, setzt Claudia Hillemanns, nach schnellem Entschluss, in gestischer Spontanität die kräftigen Öl-Striche aufs Papier, die den Werken die malerische Gestalt und das expressive Moment verleihen.
Auf den großen Aluminiumplatten reduziert sie erneut ihre Farbpalette. So wie in frühen Arbeiten oft blau/schwarz die tragende Farbaussage war, so wird hier Kadmiumgelb zum dominierenden Farbelement.
In diesen Collagen wird zuerst das braune Papier zugeschnitten oder gerissen, mehrschichtig aufeinander geklebt und dann mit kräftigen Ölfarben, zunächst weiß, dann gelb bemalt. Dieser sparsamen Farbauswahl steht das Sichtbarmachen der malerischen Aktion entgegen, die von der großen Dynamik und Vitalität der Künstlerin zeugt. Das exakte Formgefühl in Ver­bindung mit dem Expressiven lässt amorphe Gebilde entstehen, aus denen sich Bewegungsabläufe und Figuren he­raus­kristallisieren, die Begegnungen widerspiegeln – können!

Auch in den Arbeiten, die zwischen 2005 und 2009 entstanden sind, herrscht ein spannungsreiches Gleichgewicht zwischen starker Expressivität und reiner Bildkonstruktion.
Die Farben weiß, gelb, schwarz bestimmen die aperspektivischen Bildräume. Gelb steht, besonders im asiatischen Bereich, für Licht, Erleuchtung, innere Konzentration und beinhaltet meditative Momente. Die geschnittenen, geklebten, gefalteten, bemalten Papierformen überschneiden sich, trennen sich, zerbrechen. Die „haptisch feste Masse“ wird entweder direkt auf die Leinwand oder auf das gerissene Pergament gesetzt. Die expressiv schwarzen Farbstriche dringen von außen in die Fläche, drängen über jede Begrenzung hinaus und weisen in die Ferne.
Diese kraftvollen, nonfigurativen Bilder überzeugen durch eine intensive Farbigkeit, durch eindrucksvolle Kontrastwirkung, durch unklassische Formschübe, durch unregelmäßige Verzahnung einzelner Elemente, durch die Beschränkung auf einen knappen Formvorrat und den starken Kontrast von leerer Fläche und gestalteter Form, von Ordnung und Zufall.
Im Triptychon von 2009 wird erneut die feinfühlige, professionelle Verbindung von Formgefühl und Spontanität sichtbar: das unkonventionelle Material: handgeschöpftes Büttenpapier auf dunkler und heller Leinwand, der lebendige Faltenwurf und der reliefartig erhöhte Farbauftrag zeigen ein dreiteiliges Bild von großer Expressivität und Lebendigkeit. Bedingt durch sein Format lässt es sowohl Offenheit und Geschlossenheit als auch andächtige, meditative Ruhe zu.

In der Auftragsarbeit „Rhythms“ von 2008 stellte sie sich vor die Leinwand, verteilte in heftiger Impulsivität mit großer Gestik in kreisenden
Bewegungen die Farben direkt aus den Acryltuben auf das auf Leinwand aufgeklebte dünne Japan-Pergament und verfolgte gespannt die Farbverläufe, die sich aus dieser Malaktion, die an Jackson Pollocks „dripping“ erinnern, ergeben.

Diese Momente des noch im Werden begriffenen Bildes sind wichtige Elemente im Werk von Claudia Hillemanns. Sie betrachtet ihre Werke im positiven Sinne als „unfertige – non finito“ Bilder. Der Moment ein Bild als beendet zu betrachten und endgültig abzuschließen, fällt schwer, weil im Inneren das Bild, das Thema immer noch weiterarbeitet. So wie es der österreichische Maler Kurt Kocherscheidt 1991 in seinem Katalog treffend formulierte:
„Die Beendigung eines Bildes ist viel schwieriger als sein Beginn, in Wahrheit unmöglich. Ich verstehe die Entwicklung eines Bildes als Fluß von Bildern, der beinahe beliebig angehalten werden wird.
Eine Idee oder auch nur ein Gedanke wird aufgerissen, verdichtet und überlagert, zersplittert und wieder zusammengefasst, zurechtgerückt. In dem Augenblick, in dem ein kurzer Verlust der Kontrolle eintritt, eine kleine Wendung vorgenommen wird, die das lähmende Fixiertsein unterbricht, mit einem Wort, wenn das Bild selbständig wird, eine Gelegenheit findet, zurückzuschlagen, ist ein guter Moment gekommen, aufzuhören.“

Claudia Hillemanns sieht ihre Bilder, auch die fertigen, als „Zwischenraum“, als einen „nach Innen unbetretenen“, noch zu füllenden Raum, oder als ein Dazwischen, zwischen den Dingen, zwischen den Welten – grenzenlos. Ihre Bilder sind visionäre Andeutungen, die viel Raum für Reflexion bieten. Und sie sieht ihre Arbeit als „Weg“, den jeder Betrachter alleine weiter gehen möge – zu einer möglichen – individuellen Vollendung.

© Kathrin Wegener-Welte M.A.